Wie bringt man so ein komplexes und abstraktes Thema wie “Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum” in einem bunten Gemälde an die Wand? Keine leichte Aufgabe, doch im engen Austausch mit zahlreichen Menschen mit unterschiedlichsten Hintergünden und Arbeitsleben kamen viele Gedanken und Ideen zusammen.

Marissa Herzog, die leitende Künstlerin, hat sie aufgegriffen und daraus ein großes Ganzes entstehen lassen – größer als urspünglich geplant.
Marissa, dir gilt ein ganz besonderer Dank für deine wiedermal großartige Umsetzung mit viel Gefühl und Empathie für die Gedanken und Ideen der Menschen, die an diesem Projekt beteiligt waren oder im Laufe des Projekts auftauchten und dazukamen!
Was sich hinter den Farben und den vielen Symbolen verbirgt, kannst du hier nachlesen:
Die Grundfarben Blau und Orange
Der Wunsch der Mitarbeitenden von SÖR war klar: Orange muß an die Wand! Das ist einfach ihre Farbe. Da eine orangefarbene Grundierung allerdings “optisch zu krass für die Anwohner*innen” (Marissa Herzog) gewesen wäre, wurde sie zur Komplemetärfarbe, und damit stand die Hauptfarbe fest: Blautöne. Sie bringen Ruhe an die Wand (und im übertragenen Sinne in das turbulente Berufsleben) und stimmen hoffnungsvoll.
Die Säule in orange-weiß steht für die rot-weißen Reflektoren und die Absperrbänder, Arbeitsutensilien von SÖR.


Die Bemalung dieser Wand war eigentlich nicht geplant. Doch dann kam eine Anwohnerin von gegenüber vorbei, brachte Kaffee und Kuchen, malte später auch mit. Und als sie fragte, ob es nicht möglich sei, auch die Graffitis an dieser Wand zu übermalen, entwickelte Marissa spontan weitere Motive für die ungrundierte Wand. “Es gab so viele Interessierte, die mitmalen wollten. Da passte die Idee ganz gut. Es fügt sich auch pefekt ins Gesamtbild und rundet das Ganze schön ab”, so Marissa Herzog.
Die Motive
Der Schmetterling tauchte in Gesprächen immer wieder auf, als Symbol für die Natur, die wir auch in unserer Arbeit mehr berücksichtigen und beachten sollten. Und für Leichtigkeit. Fühlt man Leichtigkeit bei der Arbeit, fällt sie einem nicht so schwer.
Das Symbol der Treppe entstand im Workshop mit den Mitarbeitenden von KC Risk und in Gesprächen mit einem Anwohner, der immer wieder während der vorbereitenden Arbeiten vorbeikam und das Gespräch suchte. Sie steht für die klassische Karriereleiter, die Stufen, die man im Berufsleben nimmt: Schule, Ausbildung, Studium, Weiterbildung…Oben auf der Treppe steht eine Figur und greift nach den Sternen, und sie meint das auch so: Greife nach den Sternen! Denn egal, wo man im Berufsleben steht (und dazu gehört auch das Rentenalter), es muß nie vorbei sein. Prinzipiell kann man sich sein ganzes Leben lang weiterbilden, ein Studium beginnen oder auch mitten im Berufsleben nochmal etwas Neues beginnen.
Die beiden Halbkreise stilisieren die Wellenbewegungen, in denen Lernen, Arbeit und Wirtschaftswachstum verlaufen – alles passiert in Wellen. Manchmal kommt sehr viel zusammen, manchmal ist es weniger. Die Mitarbeitenden von SÖR zum Beispiel benannten in dem Zusammenhang die saisonalen Unterschiede in ihrer Arbeit: Während sie im Sommer sehr viel mit Grünschnitt und Mähen zu tun haben, ist es im Winter deutlich ruhiger.
Die Tomaten, so ein SÖR-Mitarbeiter, sind für ihn der Inbegriff von Wachstum: Jeden Tag kann man sehen, wie wieder neue Triebe gewachsen sind oder wie sich eine Frucht von grün über gelb bis rot verfärbt.
Das Tor mit dem schwarzen Plopp enstand aus verschiedenen Gesprächen mit unterschiedlichen Menschen. Es symbolisiert Übergänge, die man in seinem Leben durchschreitet, wie Abschlüsse, Prüfungen, Gehaltserhöhungen, Versetzungen, Jobwechsel… Manches davon feiert man, anderes nicht. Ein alternatives Symbol dafür wären Meilensteine gewesen.

Hier wiederholen sich die Symbole Wellen, und Treppe in Form der Berge. Auch sie besteigt man. Das ist anstrengend, aber oben freut man sich, dass man das Ziel erreicht hat.
Der Turm aus Legosteinen bezieht sich auf den Kindergarten gegenüber. Ein Ort, der Arbeitsplätze bietet, und wo gleichzeitig die zukünftig Arbeitenden lernen. Ein Turm wächst nach oben, steht für Wachstum. Die Kinder lernen beim Bauen und Spielen, sie wachsen innerlich. Am Ende schmeißen sie den Turm wieder um. Auch das hat Symbolcharakter.
Das Eichhörnchen stammt aus dem KC Risk-Workshop und ist für viele der Inbegriff von Fleiß, Arbeit und Wachstum. Es arbeitet vor sich hin, macht immer sein Ding und nebenbei erschafft es auch noch seinen eigenen Lebensraum, in dem es Eicheln im Boden vergräbt, die wieder zu Eichen werden, von denen es wieder Eicheln essen kann. Bei diesem schönen Kreislaufsymbol darf der Baum natürlich nicht fehlen, der ja selbst wiederum für Wachstum und Ernte der Früchte (im direkten und übertragenen Sinne) steht.

Das Herzchen ist ein grüner Apfel, eigentlich eine grüne Tomate: die eben erwähnte Frucht, die man erntet. In sie hat sich die Kompassnadel von KC Risk eingeschlichen. Und damit sind beide Kooperationspartner dieses Wandbilds im Bild vertreten.
Auch der Bienenstock steht für viele für Fleiß, Arbeit und Wachstum, sowohl bei den Mitarbeitenden von KC Risk als auch von SÖR. Ein SÖR-Mitarbeiter erzählte, dass sie oft mit den fleißigen Bienen verglichen werden. Daher bekam der Bienenstock kurzerhand die Farben und Streifen der SÖR-Kehrmaschinen. Plakativ und einfach zu verstehen.

Das Kinderbuch Unsichtbare Dinge vom Zuckersüß Verlag, ein Kinderbuch das u. a. Gefühlen eine Form gibt, war Inspirationsquelle für mehrere Symbole an der Bunten Wand.
So stellt die schwarze Wolke das negative der Wirtschaft dar: Inflation und was alles falsch läuft. Davor hüpft unbeeindruckt ein fröhliches gelbes Wesen, einer Zitrone ähnlich, das Hoffnung und Freude symbolisiert. Für Hoffnung stehen auch der blaue Regenbogen und das Grün um einen der Torbögen.
In diesem Bildteil kann man auch wieder Wellen, eine Treppe abwärts (als Gegensatz zu den aufwärts steigenden Pfeilen) und mehrere Tore entdecken (siehe oben), um die in Gemeinschaftsarbeit Legostein-Gebäude errichtet wurden. Die Gemeinschaftsarbeit bezieht sich hier auf alle, die bei dem Wandbild mitgearbeitet haben. Die Pfeile nach oben stehen für Wachstum und Aktienkurse (KC Risk-Workshop).


Die weiße Hand steht für körperliche Arbeit, Arbeit mit Händen im Gegensatz zum kopflastigen Bürojob.
Der Stern steht für Überraschungen, die immer wieder passieren, sei es im Wirtschaftswachstum oder in der Arbeit. Wichtig ist, dass man neugierig bleibt, sich auf Überraschungen gefasst macht. Dann kann man besser damit umgehen und reagieren.
Die gelbe strahlende Blume ist nochmal ein Symbol für Freude und Enthusiasmus. Wenn man Freude an der Arbeit hat, fühlt es sich nicht so an wie Arbeit. Wie wichtig Freude bei der Arbeit ist, wurde in den Gesprächen immer wieder thematisiert.
Wieder die Treppe (Wirtschaftswachstum, Verkettungen…), dieses Mal geht sie auch nach unten, denn es geht nicht immer nur bergauf.
Die Treppe hoch flattert Bargeld – erst Münzen, dann Scheine und die Kreditkarte für bargeldlose Zahlung. Arbeit gegen Geld, das Privatvermögen in Deutschland steigt (hier zwei Links dazu von spiegel.de und tagesschau.de) – das ist das eine. Das andere ist die Entwicklung hin zur bargeldlosen Zahlung, für viele bequem und ein wichtiger Fortschritt. Während der Arbeiten an der Wand entstanden sehr interessante Gespräche mit Menschen, die die Wärmestube nebenan besuchen, und am anderen Ende der Arbeits- und Vermögensskala stehen. Für sie hat das bargeldlose Zahlen ganz andere Auswirkungen. Denn wer kein Bargeld mehr dabei hat, kann auch nichts mehr abgeben, was ihnen eventuell die Mahlzeit an dem Tag gesichert hätte.
Der Computer ist einer Skizze aus dem KC Risk-Workshop entnommen, aus dem durch die Arbeit schöne Dinge erwachsen.
“Schwierig war wie immer der Spagat zwischen dem Motiv, das in der Auseinandersetzung mit dem SDG in Gesprächen und Workshops vorab entstanden und damit vorgegeben ist und an die Wand soll, und der Freiheit beim Malen”, so Marissa. Deswegen sollte an die große Wand etwas großflächiges, wo etwas freier gestaltet werden kann.

Das blaue freundliche Wesen sagt “Danke”, in den international verständlichen Worten: “You´re doing a great job.” Mit “Job” kann alles gemeint sein: dass jemand seine Oma zum Arzt gefahren hat oder für jemanden einkaufen war, dass jemand in seiner Arbeit ein großes Projekt abgeschlossen hat, oder dass es jemand geschafft hat, trotz seiner schweren Depressionen morgens aufzustehen. Die Frage ist: Was ist eigentlich Arbeit? Im Allgemeinen wird nur bezahlte Arbeit als “Arbeit” gewertet und angesehen. Es gibt aber auch sehr viel Arbeit, die nicht bezahlt wird, und trotzdem anfällt und erledigt werden muß. “Die Menschen, mit denen wir hier ins Gespräch kamen, stecken in ganz unterschiedlichen Lebens- und Arbeitssituationen. Der Spruch paßt zu allen”, so Marissa.
Der Blumenstrauß ist in einer Zusammenarbeit zwischen einem Mann, der ehrenamtlich in der Wärmestube arbeitet (da haben wir sie, die unbezahlte Arbeit), und einer Mutter mit ihrer Tochter entstanden. Die drei kannten sich nicht, haben hier aber über Stunden zusammengearbeitet und viel miteinander geredet.
Die blauen Plopps entstanden in einem guten Miteinander zwischen KC Risk-Mitarbeitenden und einigen Passant*innen, die erst nur zufällig vorbeikamen, und dann den ganzen Freitag und Samstag trotz der Hitze blieben und mitmachten.

Ein Wesen umarmt die Uhr: Die Zeit spielt eine wichtige Rolle bei menschenwürdiger Arbeit. Das Konzept des 8h-Arbeitstags, geprägt durch den Slogan “8 h Arbeit, 8 h Freizeit, 8 h Schlaf” von Robert Owen, ist eine der ältesten Forderungen aus der Arbeiterbewegung. Die aktuelle politische Top-down Diskussion darüber, wie viel und wie lang wir arbeiten sollen, stellt dies in Frage. Dominiert die Arbeit, wird die Zeit von Freizeit und Schlaf abgezwackt. Das gelbe Herz fragt deswegen auch: Was ist mir wie viel Zeit wert? Und geht es mir dabei noch gut?
Viele verbinden Wirtschaftswachstum mit Fabriken und Produktion, hier auf der orange ‑grundierten Wand (SÖR-Farbe) im Legostein-Stil (Kindergarten). Auch hier entstanden während der Gestaltung spannende Gespräche. So malte hier jemand mit, dessen Eltern als Gastarbeiter in Deutschland waren. Und eine andere Teilnehmerin steckte gerade in den Überlegungen, ob sie beruflich in die Wirtschaft wechseln sollte.

“Man fängt an, mit den Menschen über abstrakte Dinge wie menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum zu reden, und dann erfährt man plötzlich einiges aus ihrem Leben. Das waren sehr schöne Momente.“
Der Berg – “der ist entgleist”, lacht Marissa. Eigentlich sollte das ein Tor werden, Symbol für das, durch das man im Laufe seines Berusfleben durchgeht, ähnlich wie der Tunnel an anderer Stelle im Wandbild. Aber die eifrigen Maler*innen haben daraus einen Berg gemacht. “Aber der paßt ja auch!“
Die Frida Kahlo-Playmobil-Figur vereint gleich mehreres: Ein KC Risk-Mitarbeiter hat im Workshop in seinen Skizzen einen Playmobil-Müllmann eingebaut, und dabei an SÖR und den benachbarten Kindergarten gedacht. Und die Mitarbeitenden von SÖR haben immer wieder gesagt: “Wir haben nur Grünzeug im Kopf, unsere Arbeit besteht eigentlich hauptsächlich aus Grünzeug.” Und deswegen wächst dem Playmobil-Müllmann jetzt Grünzeug aus dem Kopf.
Das kleine Haus steht für Eigenheim. In vielen Gesprächen ging es immer wieder darum, dass es für einen persönlich letzten Endes darum geht, sich etwas leisten zu können, Freizeit haben zu können und vielleicht auch ein Eigenheim, ein Häuschen im Grünen zu besitzen. Etwas, was für viele immer schwieriger zu erreichen ist. Und gleichzeitig der Inbegriff von “sich etwas leisten können” bleibt.
Die Blumen symbolisieren wieder Wachstum. Blumen und Schmetterlinge gehören eng zusammen. Die SÖR-Mitarbeitenden müssen zwar immer wieder mähen, sie lieben aber auch ihre Blumen und Schmetterlinge – die es ohne Blumen nicht gäbe. Da sind wir wieder beim Kreislaufsymbol.

Auch diese Wand sollte ursprünglich nicht mehr bemalt werden. Aber es waren so viele begeisterte Menschen da, die mitmachen wollten, dass es auch hier spontan eine Erweiterung gab.
“Good work for everybody” ist nun ein Blickfang für alle, die – vielleicht auf dem Weg zur Arbeit – vorbeifahren.
Finanziell ermöglicht wurde das Projekt
wieder über die Stadt Nürnberg, Planungs- und Baureferat, Fördertopf „Möglichkeitsräume“, sowie über KC Risk und private Spenden.


Wir bedanken uns ganz herzlich bei allen, die diese Bunte SDG 8‑Wand durch ihre individuelle Unterstützung möglich gemacht haben!
Mit unseren Bunte Wände-Projekten möchten wir die SDGs fröhlich und bunt im öffentlichen Raum sichtbar machen und eine Auseinandersetzung mit den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung anstoßen. Außerdem möchten wir den Beteiligten das Gefühl von Selbstwirksamkeit geben.










