Die SDGs und die planetaren Belastungsgrenzen

Die 17 Zie­le mit ihren 17 bun­ten Icons fas­sen die gro­ßen glo­ba­len Fra­gen zusam­men und öff­nen das gesam­te Bild für die öko­lo­gi­schen, sozia­len und wirt­schaft­li­chen Aspek­te einer star­ken Nach­hal­tig­keit. Leicht kommt man über sie ins Gespräch und auch ins Tun. Trotz­dem fehlt ihnen etwas: Die SDGs geben weder quan­ti­ta­ti­ve noch abso­lu­te Zie­le vor. Es gibt kei­ne erd­sys­te­misch abge­lei­te­ten Grenz­wer­te und damit kei­ne kla­re Richt­schnur, anhand derer beur­teilt wer­den kann, ob eines der Zie­le aus glo­ba­ler Sicht wirk­lich erreicht ist.

Es lohnt sich daher, sich mit den pla­ne­ta­ren Belas­tungs­gren­zen aus­ein­an­der­zu­set­zen (Beschrei­bung sie­he blau­er Info-Kas­ten unten). Sie betrach­ten die öko­lo­gi­schen Gren­zen unse­res Pla­ne­ten Erde, die das Fun­da­ment und das Spiel­feld für unse­re Wirt­schaft und unse­re Gesell­schaft bil­den. Wenn wir hier auf der Web­site immer wie­der salopp von den “pla­ne­ta­ren Gren­zen” schrei­ben, mei­nen wir genau diese.

Ste­fan Schmied, M.Sc. Umwelt­wis­sen­schaf­ten, hat in sei­ner Mas­ter­ar­beit die pla­ne­ta­ren Belas­tungs­gren­zen auf die Regi­on Nürn­ber­ger Land her­un­ter­ge­bro­chen und stellt sie für uns in den Kon­text der SDGs.

Ein Gast­bei­trag von Ste­fan Schmied

SDGs go local but planetary boundaries frame global

Ob Hit­ze­pe­ri­oden, Sturm­schä­den, Über­schwem­mun­gen, Wald­brän­de oder sin­ken­de Trink­was­ser­stän­de: Kom­mu­nen in Deutsch­land sind zuneh­mend mit den regio­na­len Aus­wir­kun­gen glo­ba­ler und mit­ein­an­der ver­knüpf­ter öko­lo­gi­scher Kri­sen wie der Kli­ma­er­wär­mung und dem dra­ma­ti­schen Ver­lust von Arten und Öko­sys­te­men sowie den dar­aus resul­tie­ren­den sozia­len Ver­wer­fun­gen konfrontiert.

Die 17 politischen Ziele

Gleich­zei­tig ste­hen Städ­te und Kom­mu­nen der Auf­ga­be gegen­über, inter­na­tio­nal wie natio­nal ver­ein­bar­ten Nach­hal­tig­keits­zie­len gerecht zu wer­den. Deutsch­land hat sich in die­sem Zuge gemein­sam mit den ande­ren 193 Mit­glied­staa­ten der Ver­ein­ten Natio­nen 2015 den Sus­tainab­le Deve­lo­p­ment Goals (SDGs) ver­pflich­tet. Die 17 SDGs bil­den ein poli­ti­sches Rah­men­werk von sozia­len, wirt­schaft­li­chen wie öko­lo­gi­schen Nach­hal­tig­keits­zie­len. Die ein­füh­rend benann­ten öko­lo­gi­schen Kri­sen wer­den dabei durch die SDGs 6, 13, 14, und 15 und ihre jewei­li­gen Unter­zie­len ange­spro­chen. Jedes die­ser Nach­hal­tig­keits­zie­le besitzt meh­re­re Indi­ka­to­ren, wel­che eine Ein­schät­zung der gegen­wär­ti­gen Ent­wick­lung ermög­li­chen sollen.

Obgleich es sich bei den SDGs um eine gut ver­mit­tel­ba­re und umfas­sen­de Nach­hal­tig­keits­agen­da han­delt, gibt es dabei Her­aus­for­de­run­gen bei der kon­kre­ten Umset­zung und der Beur­tei­lung der dar­in ange­streb­ten nach­hal­ti­gen Entwicklung:

  1. Die Zie­le sind weit­ge­hend all­ge­mein for­mu­liert und las­sen damit viel Raum zur Interpretation.
  2. Die Kon­zep­ti­on der SDGs ver­mit­telt ein unab­hän­gi­ges Neben­ein­an­der aller Zie­le und lässt so bestehen­de Wech­sel­wir­kun­gen und gegen­sei­ti­ge Abhän­gig­kei­ten unbeachtet.
  3. Es han­delt sich um rela­ti­ve und nicht um abso­lu­te Nach­hal­tig­keits­zie­le, aus denen sich zwar zeit­li­che Ent­wick­lun­gen anhand der Indi­ka­to­ren able­sen las­sen; ein quan­ti­ta­ti­ver Bezug zu den erd­sys­te­mi­schen wie regio­na­li­sier­ten Belas­tungs­gren­zen kann aber nicht her­ge­stellt werden. 
SDGs meet PB

Ord­net man die SDGs den drei Aspek­ten der Nach­hal­tig­keit zu, ergibt sich unten ste­hen­des Bild (Abbil­dung 1). Die Bio­sphä­re bil­det das Fun­da­ment für Wirt­schaft und Gesell­schaft. Ver­las­sen wir hier den öko­lo­gisch “siche­ren Hand­lungs­raum” unse­rer Bio­sphä­re, sind Wirt­schaft und Sozia­les eben­falls gefährdet.

Abbil­dung 1: nach Folke et al. (2016).

Eine Mög­lich­keit, den rela­ti­ven 17 Zie­len einen quan­ti­ta­ti­ven Bezug zum Erd­sys­tem zu geben und die glo­ba­len Her­aus­for­de­run­gen in regio­na­le Zie­le zu über­set­zen, bie­tet sich in der Ope­ra­tio­na­li­sie­rung (= Anwen­dung) des Rah­men­kon­zepts der pla­ne­ta­ren Belas­tungs­gren­zen (sie­he blaue Box unten). Nach die­sen neun pla­ne­ta­ren Belas­tungs­gren­zen kön­nen regio­na­le Belas­tungs­gren­zen quan­ti­fi­ziert sowie die abso­lu­ten pla­ne­ta­ren Belas­tungs­gren­zen (PBs) auf eine bestimm­te Regi­on, wie zum Bei­spiel dem Nürn­ber­ger Land, ange­wen­det und über­setzt (regio­na­li­siert) wer­den. Die­se Vor­ge­hens­wei­se erlaubt die Bestim­mung eines „siche­ren Hand­lungs­raums“, die Aus­wei­sung des regio­na­len Hand­lungs­be­darfs, sowie eine tat­säch­li­che Ver­or­tung regio­na­ler Belas­tungs­zu­stän­de mit den glo­ba­len öko­lo­gi­schen Krisen. 

PBs go local

In einer im Mai 2022 fer­tig gestell­ten Mas­ter­ar­beit wur­de für die Regi­on Nürn­ber­ger Land die­ser Ansatz unter­sucht und als Grund­la­ge für ein land­kreis­wei­tes Nach­hal­tig­keits­prä­ze­denz­kon­zept erprobt.
Hier­in konn­te gezeigt wer­den, dass je nach ange­wand­ter öko­no­mi­scher Leis­tungs­mes­sung bei acht bis zehn der zehn unter­such­ten Belas­tungs­zu­stän­de der siche­re Hand­lungs­raum in der Regi­on bereits ver­las­sen wur­de (sie­he Abbil­dung 2). Im Rah­men die­ser Arbeit wur­den die vier PBs, die auf glo­ba­ler Ebe­ne bereits über­schrit­ten wur­den, genau­er betrach­tet und regio­na­li­siert, und zwar
Kli­ma­wan­del, Inte­gri­tät (Unver­sehrt­heit) der Bio­sphä­re, Land­nut­zung sowie die bio­geo­che­mi­schen Flüs­se von Stick­stoff und Phos­phor.
Dar­aus wur­de wie­der­um der regio­na­le Hand­lungs­be­darf bestimmt.


Abbil­dung 2: Über­sicht der nor­mier­ten Belas­tungs­zu­stän­de der Regi­on Nürn­ber­ger Land, bezo­gen auf die regio­na­li­sier­ten Belas­tungs­gren­zen nach Schmied (2022).
 

PB Kli­ma­wan­del
Die Aus­wer­tung für die Regi­on Nürn­ber­ger Land ergab dabei eine Belas­tung bei der PB des Kli­ma­wan­dels bei ter­ri­to­ria­ler Betrach­tung (also nur des im Nürn­ber­ger Land pro­du­zier­ten Koh­len­di­oxids) von 436 % . Die nor­mier­te Belas­tungs­gren­ze ist in der Gra­fik als oran­ge­ne Linie dar­ge­stellt. Bei der kon­sum­ba­sier­ten Betrach­tung (also wenn man den durch den Kon­sum im Nürn­ber­ger Land welt­weit frei­ge­setz­ten Koh­len­di­oxid mit berück­sich­tigt) ergibt sich sogar eine Über­be­las­tung von 510 %, was nicht mit dem Errei­chen des 1,5 Grad-Ziels ver­ein­bar ist.

PB Inte­gri­tät (Unver­sehrt­heit) der Bio­sphä­re
Für die Beur­tei­lung der Bio­sphä­ren­in­te­gri­tät und damit des Arten­ster­bens sowie der Degra­dati­on der regio­na­len Öko­sys­te­me wur­de anhand des inver­tier­ten BII (= umge­dreh­ter Bio­di­ver­si­tät Intakt­heits­in­di­ka­tor) eine Quan­ti­fi­zie­rung vor­ge­nom­men. Für die bewal­de­ten Flä­chen ergibt sich bis­lang kei­ne Über­schrei­tung, für unbe­wal­de­te Flä­chen hin­ge­gen eine deut­li­che Über­schrei­tung der Belas­tungs­gren­ze. Als wei­te­rer, öko­sys­temar wich­ti­ger Indi­ka­tor, wur­de ergän­zend der Anteil der vor­han­de­nen Wild­nis­flä­chen (streng geschütz­te und damit nicht bewirt­schaf­te­te Flä­chen) mit der nach den baye­ri­schen Nach­hal­tig­keits­zie­len fest­ge­schrie­be­nem not­wen­di­gen Wild­nis­flä­che­an­teil (10 %) ins Ver­hält­nis gesetzt. Dabei zeig­te sich eine deut­lich zu klei­ne Wild­nis­flä­che sowie eine regio­na­le Über­be­las­tung der Öko­sys­te­me von 171 %.

PB Land­nut­zungs­wan­del
Bezieht man sich bei der Beur­tei­lung des Land­nut­zungs­wan­dels, also die durch den Men­schen umge­wan­del­ten (anthro­pi­sier­ten) Flä­chen, rein auf die Flä­che im Nürn­ber­ger Land (ter­ri­to­ria­le Mes­sung), befin­det man sich noch inner­halb des „siche­ren Hand­lungs­raums“. Bezieht man jedoch bei der Beur­tei­lung auch die durch den Kon­sum welt­weit bean­spruch­te anthro­pi­sier­te Flä­che mit ein, ergibt sich eine Über­schrei­tung auch die­ser Belastungsgrenze.

PB bio­geo­che­mi­sche Flüs­se
Der regio­na­le Belas­tungs­zu­stand für die bio­geo­che­mi­schen Flüs­se zeigt für Stick­stoff anhand des Stick­stoff­ein­tra­ges eine Über­be­las­tung von 474 % und anhand des gerech­ne­ten Stick­stoff­über­schus­ses für land­wirt­schaft­li­che Flä­chen eine Über­be­las­tung von 173 %, und das obgleich das Nürn­ber­ger Land nach den Aus­wer­tun­gen der baye­ri­schen Lan­des­an­stalt für Land­wirt­schaft (LfL) als weit­ge­hend unbe­las­te­tes (grü­nes) Gebiet gilt. Im Rah­men der Mas­ter­ar­beit hat sich eben­fals gezeigt, dass ein zu hoher Belas­tungs­zu­stand und damit eine Eutro­phie­rung der Gewäs­ser und Öko­sys­te­me anhand des bay­ern­wei­ten Phos­phor-Ein­tra­ges wie auch anhand der aus­ge­wer­te­ten Phos­phor Kon­zen­tra­ti­on der regio­na­len Fließ­ge­wäs­ser vor­liegt. Auch hier ste­hen die Ergeb­nis­se im Gegen­satz zu den Aus­wer­tun­gen des LfL, der dem Land­kreis weit­ge­hend nicht eutro­phier­ten Was­ser­kör­pern atestiert.

PBs und SDGs 

Die Ergeb­nis­se die­ser Arbeit zei­gen, dass sich je nach ange­wand­ter Metho­dik und Daten­ba­sis unter­schied­li­che Bewer­tun­gen der Belas­tungs­zu­stän­de erge­ben kön­nen. Trotz die­ser metho­di­schen Schwie­rig­kei­ten konn­te über die durch­ge­führ­te Regio­na­li­sie­rung der pla­ne­ta­ren Belas­tungs­gren­zen gezeigt wer­den, dass unge­ach­tet aller lau­fen­den Nach­hal­tig­keits­be­mü­hun­gen ein drin­gen­der und umfas­sen­der Hand­lungs­be­darf für die Regi­on Nürn­ber­ger Land besteht. Die quan­ti­ta­ti­ven Bestim­mun­gen der Belas­tungs­zu­stän­de sowie der Belas­tungs­gren­zen ergän­zen damit die SDGs mit einer not­wen­di­gen abso­lu­ten Rah­men­set­zung und stellt sie so in Kon­text mit dem glo­ba­len Hand­lungs­spiel­raum von uns allen – den Belas­tungs­gren­zen unse­res Planeten.


Die Ergeb­nis­se stam­men aus der Mas­ter­ar­beit “Kom­mu­na­le Nach­hal­tig­keit auf Basis der pla­ne­ta­ren Belas­tungs­gren­zen – auf dem Weg zu einem Prä­ze­denz­kon­zept.”; 2022.
Kon­takt: Ste­fan Schmied, stefanschmied(at)posteo.de